Handgefilzte Weste für einen Gärtner
Es gibt einen berühmten Gärtner in Ungarn, der sich Der Gärtner mit dem Hut nennt. Sein Unternehmen heißt Barackvirág GmbH, was nicht direkt zu übersetzen ist. So etwa Pfirsich- oder Aprikosenblüte GmbH. Im Ungarischen kann «barack» beides sein, bis man ein bestimmtes Wörtchen davor setzt, um klarzumachen, ob Aprikose oder Pfirsich. Aprikosen (Prunus armeniaca) und Pfirsiche (Prunus persica) sind eng miteinander verwandte Steinobstgewächse der Gattung Prunus. Also sagen wir jetzt mal «Prunusblüte GmbH».
Wir kannten uns flüchtig und das war alles, was ich von ihm wusste, als er bei mir eine Filzweste bestellte, die er dann zum Representationszweck tragen wollte, wenn er mal wieder im Fernsehen, auf einer Gartenshow, wo auch immer auftritt.
Er sah nicht mal meine Filzbilder, bis heute weiss ich nicht, wie er auf die Idee kam von mir eine Weste zu bestellen. Mir hat das auch nicht geholfen so im Dunkeln zu tappen und zu hoffen, dass das Ergebnis auch gefallen wird.
Nach einigen Fragen fällte ich eine Entscheidung, was mir Spaß machen würde und dann hoffen wir mal…Das waren die Anhaltspunkte:
– Prunusblüte GmbH
– sein Firmenlogo und sein Webseitendesign
– der Typ fährt Motorrad
– Grundfarbe: Grün
1. Schichtaufbau zum Filzen der Weste
Nach zwei Probelappen entschied ich mich für diesen Schichtaufbau um eine flexible, aber wärmende und nicht dicke Weste zu erhalten: Kammzug in Tannenbaumauslegetechnik (handgefärbt, für innen), eine Lage Mullstoff, Wollknoll-Vorfilz (außen).
Vorne und hinten legte ich das Muster aus allerlei Vorfilzresten, Fasern, Garnen, loser Wolle, spontan, wie es mir einfiel.
Auf den Rücken kam die Aufschrift Flos Persicae, was auf Latein etwa Prunusblüte bedeutet und die Platzierung assoziiert auf «Hell’s Angels» – wenn schon mal Motorradfahren.
Die Typografie gehört auch zu alten lateinischen Texten, denn vor einigen Monaten sah ich eine Ausstellung im berühmtesten Kloster Ungarns, wo ein Gärtner-Mönch tagtäglich ein Gärtnertagebuch im 19. Jh. führte, mit ganz entzückenden Einträgen, was mir während des Auslegens des Musters wieder einfiel.
Ich hatte also über der Weste improvisiert. Das einzige, was mir im Vornherein klar war: Ich möchte roten Sonnenhut, Bienen und Prunusblüten darauf haben.
So sah die Rückseite bereits gefilzt aus:
2. Gefilzte Westentasche und Verstärkungen
Mit oder ohne Westentasche(n)? Man muss doch mal ein Taschentuch wegstecken können…na, guuuut, auch noch Täschlein.
Die braunen Rechtecke stärken den späteren Verschlussbereich und sie sind, wie auch die Kornblüten- und Fantasiefarnblätter, aus handgefärbtem Vorfilz von DHG.
Du siehst auch einen vertikal verlaufenden Vorfilzstreifen in der Mitte, der die späteren Schnittkanten verstärken soll. (Solche Randverstärkung setzte ich entlang allen späteren Schnittkanten ein. Das kann ich wärmstens empfehlen, um keine labbrigen Ränder zu bekommen.)
Schnitt- oder Faltkanten lassen sich prima mit einem schmalen Seifenstück in den feuchten Vorfilz zeichnen. Da kann man auch immer wieder korrigieren vor dem Schneiden, was hier beim Planen des Kragens hilfreich war.
Nach dem Filzen wird das Muster natürlich ein bisschen unklar:
3. Knöpfe und freies Sticken mit der Nähmaschine auf den Filz
Mir war von Anfang an klar, dass ich nach dem Filzen mit der Nähmaschine «kritzeln» möchte, weil ich das Ergebnis einfach liiiiiiebe. Locker, nur mal so, wie mit einem Stift… da kommen erst herrliche Details zustande.
Und was für Knöpfe? Holz? Filz? Metall? *grübel-grübel*
– Mach doch Prunus-Stein-Knöpfe. -sagt die Familie.
– Yeppp! Genial, danke! …also machte ich mich an ein paar Pfirsichkerne mit Schleifmaschine und Bohrer ran… (Hallooooo, das wird dir aber nicht mehr bezahlt….ja, macht aber Spaß und der Gag muss sein…)
Natürlich hat man nicht unbedingt Pfirsichkerne im Winter zuhause, aber da Sohnemann sich mal länger mit dem Schnitzen von Obststeinen beschäftigte, gab es noch einige.
Das kam dann dabei raus als mein Fantasiegarten. Die Aufschrift lies ich absichtlich ohne Konturierung; das wäre zu viel gewesen.
Die Weste passte dann wie angegossen. Er nahm sie mit und ich hatte keine Ahnung, ob sie im wirklich gefällt oder nicht….Das war im Januar.
Vor einer Woche rief er mich an und sagte, wie heiß er die Weste liebt und dass er immer wieder darauf angesprochen wird. Vor kurzem hielt er sogar darin seinen Vortrag in der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Nur zunehmen dürfte er nicht…Er war verblüfft, als er das Teil zuerst sah, denn er hätte nie gedacht, dass es so ein dünnes, feines Teil sein kann, er rechnete mit etwas viel Gröberem. Er freute sich extra über die paar Prunusblüten, die ich auf die Innenseite filzte, und da erscheint ja auch die Naht, also innen hat er auch ein paar Blütenkonturen. Außerdem wundert er sich, dass sie auch wirklich wärmt, obwohl sie dünn ist.
Ich soll mich auf das Filzen eines passenden Sakkos vorbereiten…na, guuuut, wenn es unbedingt sein muss.
Ich warte noch auf ein Foto von ihm an der Akademie… Das folgende Bild habe ich zufällig im Internet gefunden (und schnitt es aus dem shorts Video, dementsprechend ist es auch pixelig) wo er gerade in Aktion ist:
Hast du Fragen zum Filzen einer Weste?
…oder dieser Weste?
Schreibe einen Kommentar und ich antworte gerne. 🙂
Ausgangsmaße der Filzweste
Hier gleich ein Bild zu einer Kommentarfrage. Ich bat Herrn Gärtner um eine bereits bewährte Weste als Ausgangspunkt. Er gab mir diese schwarze und eine wesentlich größere mit einem ganz anderen Schnitt. Beide mag er, meine sollte jedoch etwas größer als diese schwarze werden. Ich entschied mich nah an diesem Schnitt zu bleiben, nur eben größer. Ich konturierte dies «kleine Schwarze» auf Packpapier und vergrößerte den Umriss der Schrumpfung entsprechend plus etwas Zugabe, die neue Kontur ergab die Schablonenform.






This Post Has 14 Comments
Was für eine wunderschöne Weste mit all den verspielten Details. Ich liebe sie und kann die Begeisterung, wenn auch typisch männlich dezent 🤭, bestens verstehen. Lieben Dank fürs Teilen.
Du hast ja Jorie Johnson’s Arbeiten schon gesehen, ein ganz anderes Universum. Als ich ihr davon erzählte, was ich mir für den Gärtner so etwa ausgedacht hatte, meinte sie, neee, das geht garnicht, das ist doch ein Mann. Ich musste schmunzeln, weil es mir schon klar war, was der Gärtner etwa wollte zum Repräsentieren seiner Arbeit.
Danke für deine Meinung, Anja! 🙂
Liebe Corinna,
Die Weste sieht so irre aus sie ist einfach perfekt. Filze doch mit uns so eine . Wieviel Wolle hast du dafür benötigt? Dankeschön für die schöne Beiträge. Das Märchen ist auch süß.
Liebe Grüße von Heidrun
Gute Frage mit der Wollmenge. 😀 Keine Ahnung, weil ich genügend Material hatte und nicht aus der Wollmenge ausging, sondern die Qualität des Probelappens haben wollte, die aus den Kammzug-Mull-Vorfilz Schichten bestand. Die 20×20 cm Probe ist federleicht.
Danke für die lobenden Zeile, liebe Heidrun. 🙂
Ich bin begeistert – fantasievoll, verspielt und trotzdem «männlich» das hast du prima hinbekommen.
Ein wahrer Hingucker voller Achtung vor dem Gärtnerberuf.
Danke Karin, es freut mich, dass sie dir gefällt!
So ein wunderbares Prachtexemplar, diese Weste. Ich finde sie unfassbar gelungen und der Gärtner trägt sie sichtlich mit Stolz.
Und es ist ein neuerlicher Anstoß, mit der Nähmaschine zu «malen». Das setzt zusätzlich tolle Akzente und schafft Klarheit.
Danke fürs Teilen und für die vielen Tipps, die du uns gleich mitgibst.
Corinna, du Künstlerin!!!!
Ganz herzlichen Dank, es freut mich sehr, wenn du und andere FilzerInnen davon auch etwas mitnehmen und ev. in ihre eigenen Arbeiten einbauen können. 🙂
Probiere es mal auf dünnem Filz mit der Nähmaschine anstatt wie bei der Taschenklappe, da wollte deine Maschine ja nicht so recht mitmachen. Einfach zwei schichten industriellen Vorfilz zusammenfilzen oder eben einen dünneren Filz machen. Drück dich!
Liebe Corinna, du bist absolut EINZIGARTIG :-)). Eine so geniale Idee diese Farbenpracht und deine wundervolle, durch alles hindurch scheinende Handschrift-so viel Liebe und Energie ist spürbar-Meisterhaft. Als ich das Hemd des Mannes zu dem Jackengrün sah, musste ich schmunzeln :-))).
Mich würde interessieren welche Ausgangsgröße du dafür genommen hast, auf den Bildern sieht es irgendwie immer kleiner aus. Danke das du uns immer wieder mal auf deine Filzreisen mitnimmst. Viel Spass, Freude und Kraft für dein nächstes Projekt.
Ernő, so heißt der Mann, ist ca. 185 cm groß. Ja, auf den Fotos wirkt die Weste wirklich kleiner.
Ich habe ein neues Foto ans Ende des Blogbeitrages eingestellt, da siehst du, woraus ich ausgegangen bin.
Ganz herzlichen Dank für deine begeisterten Zeilen!
Einfach nur Wow, sehr sehr schön.Ich bin begeistert, tolle Arbeit.
Herzlichen Dank, Heike, es freut mich, dass sie die gefällt. 🙂
Du bist einfach die Königin in dieser Disziplin! Was für eine schöne Weste. Durch das nähen mit der Nähmaschine kommt das Muster so wunderbar zur Geltung. Ich beneide den Herrn. Liebe Grüße, Katrin
Vielen lieben Dank, Katrin! Solche feinen Details, egal, ob maschinengestickt oder per Hand, geben mir immer das Gefühl, dass der Filz dadurch seine Seele bekommt.